Charles Willeford

Charles Willeford ist der Ernest Hemingway unter den amerikanischen Pulpern. Aber Pulp landete dazumal oft im Papierkorb, wurde von den Literaturkritikern beschnitten und ignoriert. Ein Pulp-Roman war einfach nicht salonfähig:

 

Sein Ziel besteht darin, Menschen dem miesen psychischen Wetter vor ihrer Haustür auszusetzen, wo alles und jeder von einem erbarmungslosen Regen aufgeweicht worden ist, der sich aus den Seelen der Menschen dort draußen ergießt

konstatiert Derek Raymond in seinem Buch Die verdeckten Dateien. Aber wer will schon ständig Schmuddelwetter?

Charles Willeford zählt zweifelsohne zu den skurrilsten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er istdasfür lange Zeit verkannte und unbeachtete Pulp-Genie Amerikas. Dabei ist seine abenteuerliche Biografie an sich schon richtig spannende Unterhaltung:

Geboren im Jahre 1919 wurde er bereits im Kindesalter Vollwaise und wuchs danach unter Obhut der Großmutter und in Internaten auf. Mit vierzehn Jahren avancierte er zum Landstreicher, mit sechzehn Jahren, also 1935, meldete er sich als Freiwilliger bei der US-Army. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte er dabei nicht in einer gemütlichen, kuschelig warmen Hinterlandsschreibstube, sondern als Panzerkommandeur, ausgezeichnet u.a. mit dem Purple Heart.

1956 zog er sich endgültig vom Armeedienst zurück, nachdem er sich zwischenzeitlich schon als Profiboxer, Pferdetrainer, Rundfunksprecher und Schauspieler ausprobierte sowie Malerei in Peru und Frankreich studierte. Nebenbei schrieb er schon immer Gedichte und Kurzgeschichten, während der Armeezeit anfangs auch die Reden seiner Vorgesetzten. Die endgültige Berufung zum Schriftsteller vollzog er 1961, als er in Miami mit vierzig Jahren ein Literaturstudium aufnahm, hier drei Jahre später auch als Hochschullehrer tätig war.

Willeford war ein Schreiber, dessen Frühwerke selten oder nie in den Regalen der Buchläden zu finden waren. Wohl auch der schicksalshaften Tatsache geschuldet, dass sein erster Verleger starb, damit sein Verlag bankrott ging und Willefords Werke verschollen waren. Zwischendurch verschwand er selber auch immer wieder für längere Zeit in die künstlerische Anonymität auf der Suche nach neuem Stoff für sein letztendlich spätes, aber erfolgreiches Spätwerk.

Und Charles Willeford schrieb über das, was er kennen gelernt hat: Pulp. In die Rubrik der Schriftsteller, die viel schreiben, ohne viel erlebt zu haben, gehört er jedenfalls nicht. Unterschiedlichste Lebenserfahrungen wurden, angereichert mit einer kreativen Phantasie, literarisch verarbeitet. Dabei schien er tabulos zu sein: selbst seine Hämorroidenoperation schien im würdig dafür, schriftlich und damit für die Nachwelt nachlesbar festgehalten zu werden.

Der Durchbruch gelang Willeford 1984 mit dem Kriminalroman "Miami Blues", und sein Lektor drängte ob des Erfolges auf weitere Krimis mit dem Helden Hoke Mosley. Willeford schrieb widerwillig ein zweites Manuskript, in dem Hoke Mosley seine eigenen Töchter ermordete, was natürlich im Papierkorb landete. Gut für uns Leser, dass die Härtnäckigkeit seines Agenten und das Drängen auf einen Folgeband nicht zerstört wurde!

Es folgten drei weitere Pulp-Krimis mit dem Miami-Detectiv Hoke Mosley, der letzte 1988 mit dem Titel"Wie wir heute sterben". Auch Willeford verabschiedete sich im März 1988, bezeichnenderweise mit Tod durch Herzschlag.

Krimis von Charles Willeford:

Hoke Moseley-Reihe:

 

Miami Blues

(1984)

 

Miami Blues

Neue Hoffnung für die Toten (Auch die Toten dürfen hoffen)

(1985)

 

New hope for the dead

Seitenhieb

(1987)

 

Sideswipe

Wie wir heute sterben (Bis uns der Tod verbindet)

(1988)

 

The way we die now

 

Proletarian laughter

(1948)

Der Hohepriester

(1953)

 

High priest of California

Sperrstunde

(1955)

 

Pick up

Wild wives

(1956)

Die Schwarze Messe

(1980)

 

Honey gal

Lust is a woman

(1958)

The woman chaser

(1960)

Whip hand

(1961)

Understudy for love

(1961)

No experience necessary

(1962)

Hahnenkämpfer / Hahnenkampf

(1962)

 

Cockfighter

The machine in ward eleven

(1963)

Poontang and other poems

(1967)

Ketzerei in Orange (Die Kunst des Tötens)

(1971)

 

The burnt orange heresy

The hombre from Sonora

(1971)

A guide for the undehemorrhoided

(1977)

Off the wall

(1980)

Something about a soldier

(1986)

Miami Love

(1987)

 

Kiss your ass good-bye

Everybody's metamorphosis

(1988)

Ein Leben auf der Straße (Autobiographie)

(1988)

 

I was looking for a street

Cockfighter Journal. The story of a shooting

(1988)

Playboys in Miami

(1993)

 

The shark-infested custard

Antihero feat. Charles Willeford (hg. von Frank Nowatzki)

(2001)

"Niemand schreibt einen besseren Kriminalroman als Charles Willeford." (Elmore Leonard)

"Willeford sagte, das Beste, was ein Mensch zu jeder Zeit tun könne, sei ruhig in seinem eigenen kleinen Zimmer zu sitzen. "Und schreiben?" fragte ich. "Nichts tun", sagte Willeford. "Können Sie das?" fragte ich. Er sagte, jedesmal,wenn er es versuche, stelle er am Ende fest, dass er schreibe. Ich sagte: Vielen Dank."(Janwillem van de Wetering)

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