Ein gelungenes Halunkenstück voller Witz, Spannung und starken Figuren.
Eigentlich hat Detective Constable Scarlett Delaney einen freien Tag, als sie zu einem Tatort in Knightsbridge gerufen wird. In einem geräumigen Penthouse liegt der Leichnam von Francesca Labelle - oder besser gesagt, ein Teil von ihm. Denn Delaney und ihr Kollegen Frank Ash finden nur den Kopf der jungen Frau. Ihr Gesicht weist fünf Kratzer auf. Ein Indiz, dass der mysteriöse Serienkiller „Jackdaw“, wie ihn die Presse nennt, zum dritten Mal zugeschlagen hat. Sein Markenzeichen: Er besitzt die Fähigkeit, sich scheinbar in Luft aufzulösen, und die Eigenschaft, vom Tatort stets etwas Funkelndes mitzunehmen. Diesmal fehlen die Ohrringe des Opfers. Und rätselhaft ist erneut, wie die Leiche während einer Party einfach verschwinden konnte.
Während das Ermittlerteam von New Scotland Yard noch nach einer brauchbaren Spur sucht, hat Jackdaw längst sein nächstes Opfer gefunden. Um den Täter endlich zu fassen, lässt sich Delaney sogar auf den zwielichtigen Privatdetektiv Henry Devlin ein. Mit seiner Hilfe scheint sie sogar Licht in die rätselhaften Morde zu bringen. Doch Devlin ist ebenfalls ein Killer, der seine ganz eigenen Ziele verfolgt. Wie weit ist Delaney bereit zu gehen, um Jackdaw zur Strecke zu bringen?
Neues vom „Ragdoll“-Autor
Nachdem 2019/2020 die weltweit erfolgreiche New-Scotland-Yard-Trilogie („Ragdoll“, „Hangman“, „Wolves“) des Engländers Daniel Cole hierzulande veröffentlicht wurde, wurde es ruhig um den britischen Autor. 2024 erschien bei Ullstein nach langem Warten sein neuer Thriller „Die Muse“. Nun legt der Berliner Buchverlag mit „Jackdaw“ nach. Beide Romane sind typisch für Daniel Cole: düster, kompromisslos, aber auch voller britischem Humor. Ein weiteres Markenzeichen des Autors: ungewöhnliche Ermittlertypen. Die Protagonistin des aktuellen Romans, DC Scarlett Delaney, ist zum Beispiel die Tochter eines Serienmörders, der bei einer Verfolgungsjagd erschossen wurde - von Delanyes Partner und Mentor Frank Ash. Cole schrieb „Jackdaw“ während des Corona-Lockdowns für - wie er selbst im Nachwort betont - sein „eigenes seelisches Gleichgewicht wie für den Genuss [s]einer Leserschaft“. Eskapismus pur - nur eben mit Mord und Leichen.
Ermittlerin, Mentor und Gentleman
Gleich drei Figuren rückt der englische Autor ins Zentrum des Romans: die taffe, unkonventionelle Scarlett, die sich auch wegen ihres Vaters bei der Polizei besonders beweisen muss, aber auch will; ihren Partner Frank, der für seine Kollegin wie ein Vater ist und sie - oft ohne ihr Wissen - beschützt; und der gerissene Henry, eine Mischung aus brutalem Mörder und smartem, gut aussehendem Gentleman. Dieses ungewöhnliche Trio funktioniert, auch weil Cole ein Meister der Ironie und des pointierten Dialogs ist. So fliegen dem Leser bei Schießereien nicht nur die Kugeln, sondern auch jede Menge Wortwitz und Situationskomik um die Ohren. Dies verleiht dem düsteren und durchaus brutalen Roman immer wieder eine gewisse Leichtigkeit. Gleiches gilt für die Nebenfiguren, wie Scarletts Ehemann oder den zum Assistenten ernannten Polizisten Newbury.
Daniel Cole versteht es darüber hinaus, mit dem Tempo zu spielen und Elemente eines packenden Thrillers mit denen eines klassischen Kriminalromans, wie dem Locked-Room-Mystery, zu verknüpfen. Nicht zuletzt sorgen Verbindungen Henrys zu einer geheimnisvollen Organisation, die Beziehungen bis ins englische Parlament besitzt, für die nötige Würze.
Wer ist der Täter?
Wenn etwas das Lesevergnügen trübt, dann ist es doch die Vorhersehbarkeit, wer hinter dem mysteriösen Killer Jackdaw steckt. Dies wird mit zunehmender Dauer deutlicher, auch wenn das Motiv noch unklar bleibt. Dies stört aber das Lesevergnügen kaum, zumal es von Beginn an weniger um den Täter an sich, sondern vor allem um dessen Festnahme geht. Denn die gestaltet sich, selbst als der Täter bekannt ist, als äußerst schwierig. „Jackdaw“ ist cleverer als gedacht und zum Schluss verbinden sich Tragik, Spannung und überraschende Wendungen zu einem fulminanten Finale.
Fazit
Ein Thriller voller Action, Tempo und Dramatik. Gleichzeitig besitzt „Jackdaw“ seinen ganz eigenen Charme, der im Gegensatz zur Brutalität der Handlung steht, mit dieser aber eine gelungene Symbiose eingeht. Man darf alles nicht allzu ernst nehmen, dann unterhält der Roman bestens. „Jackdaw“ ist daher insgesamt mehr als lesenswert. Wer den Roman mag, darf sich freuen: Daniel Cole hat mit dem Fortsetzungsroman bereits begonnen.

Daniel Cole, Ullstein
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