Sabine Thiesler

"...mich interessiert es vor allem, dem Täter in den Kopf zu gucken, seine Motivation zu verstehen und sein Beuteschema kennenzulernen."

Krimi-Couch:
In Ihrem neuen Roman geht es um Organhandel. Was hat Sie an diesem Thema interessiert?

Sabine Thiesler:
„Organhandel“ ist ja in legaler Form noch nichts Verwerfliches, im Gegenteil: Wir alle hoffen auf ein gespendetes Organ, wenn wir unheilbar krank sind.
In meinem Buch geht es auch nicht darum, sondern um den Raub von Organen an hilflosen Opfern, die schwer verletzt oder getötet werden. Eine furchtbare Vorstellung, zumal so ein schreckliches Verbrechen jeden von uns treffen kann. Dies habe ich geschildert, um es den Menschen bewusst zu machen. Und ich wäre keine Autorin von Psychothrillern, wenn mich derart unfassbare Verbrechen nicht reizen würden, darüber ein Buch zu schreiben.

Krimi-Couch:
Die Protagonistin Elena ist eine glückliche Single-Frau, die sich gern in sexuelle Abenteuer stürzt. Sie spielen in „Verschwunden“ eine recht große Rolle – warum haben Sie diesem zweiten Themenstrang so viel Bedeutung gegeben?

Sabine Thiesler:
Elena ist – wie Sie richtig sagen – die Protagonistin des Thrillers. Und ihre sexuelle Leidenschaft ist hochgefährlich. Aber wie immer in meinen Geschichten laufen verschiedene Erzählstränge nicht nebeneinander her, sondern bedingen einander. Und so hat Elenas Obsession auch damit zu tun, dass sie in die größte Katastrophe ihres Lebens schliddert, in eine lebensgefährliche Situation. Insofern ist dies kein „zweiter Themenstrang“, sondern ebenso wichtig und unabdingbar wie der Raub von Organen und der illegale Handel damit.

Krimi-Couch:
Viele Ihrer Romane spielen in der malerischen Umgebung der Toskana. Und als Leser lässt man sich gern dorthin entführen. Was verbindet Sie persönlich mit dieser Region?

Sabine Thiesler:
Alle meine Thriller spielen in der Toskana, weil ich dort viele Jahre gelebt habe, weil ich mich dort auskenne, weil ich weiß, wie es klingt, wenn in der Mittagshitze die Grillen zirpen und wie es riecht, wenn der Jasmin blüht. Ich weiß, wie die Menschen reagieren, wenn irgendetwas passiert. Und vor allem: Es gibt in der Toskana noch die einsamen Häuser im Wald, die Anwesen auf den Hügeln, manchmal Kilometer vom nächsten Haus oder Dorf entfernt. Wunderbare Schauplätze für gruslige Geschichten. Dort gibt es noch mittelalterliche Bergdörfer und einfaches Leben fernab der Zivilisation. Einen Psychopathen in solch einer reizvollen Urlaubskulisse fand ich schon immer interessanter als einen Mörder im Parkhaus einer deutschen Großstadt.

Krimi-Couch:
In Ihrem aktuellen Roman „Verschwunden“ widmen Sie sich auch den persönlichen Abgründen des Täters, geben Einblicke in seine Vergangenheit und seine Gefühle. Warum ist Ihnen das wichtig?

Sabine Thiesler:
Ich schreibe Psychothriller. Keine Krimis. Ermittlung interessiert mich eigentlich kaum, und auch der allseits beliebte Commissario Neri spielt wie immer nur eine untergeordnete Rolle. Denn mich interessiert es vor allem, dem Täter in den Kopf zu gucken, seine Motivation zu verstehen und sein Beuteschema kennenzulernen. Ich möchte wissen, wie er zu dem Psychopathen, wie er zu dem Mörder geworden ist, der er ist. Das sind der Ansatz und die Grundlage all meiner Bücher. Wenn ich von einem Mord erfahre, irgendwann weiß, wer ihn begangen hat, aber niemals begreife, warum und wieso der Mörder so gehandelt hat, warum er zum Mörder geworden ist, dann ist die ganze Geschichte total uninteressant.

Dies ist jetzt mein dreizehnter Psychothriller, und ich habe es noch nie anders gemacht: Ich bin immer von den Motivationen und der kranken Psyche des Mörders ausgegangen und habe versucht, ihn auf Grund der Erlebnisse in seiner Kindheit und seiner Vergangenheit zu verstehen, ohne seine Taten zu entschuldigen. So ist es auch in „Verschwunden“.

Krimi-Couch:
Commissario Donato Neri steht kurz vor dem Ruhestand. Er hat sich bereits ein Domizil für seine Rente zugelegt. Hat er in „Verschwunden“ das letzte Mal ermittelt?

Sabine Thiesler:
Neri hat sich kein „Domizil für den Ruhestand“ zugelegt, sondern nur einen Ort, den er ab und zu mal aufsuchen kann, um den Sonnenuntergang am Meer zu genießen. Ständig wohnen kann er dort auf gar keinen Fall.
Und wer Neri kennt, der weiß, dass Neri nicht aufhören kann. Dass er einen „Ruhestand“ niemals aushalten würde. Er ist wie ein Zirkuspferd, das bis zu seinem Ende in der Manege weiter galoppiert. Neri ist ohne Ambra, und Ambra ohne Neri undenkbar.

Das Interview führte Marcel Zenk im März 2023.
Foto: © Jewro FotografieJewgeni

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