Grantchester
Staffel 1 + 2

Serien-Spezial von Jochen König (09.2019) / Titel-Motiv: © Edel Motion/Glücksstern

Der Pastor lässt das Ermitteln nicht

Grantchester liegt in der englischen Grafschaft Cambridgeshire, knapp vier Kilometer von Cambridge entfernt. Die Ortschaft hatte 2011, bei der letzten Volkszählung,  540 Einwohner und auf dem „Ummagumma“-Album von Pink Floyd gibt es einen Song namens „Grantchester Meadows“. Ein idyllischer kleiner Ort am River Cam gelegen, eine Art Wohlfühloase und Ausflugsort für Einheimische und Touristen. Am Ufer des Flusses beginnt auch die Handlung der in den Fünfzigern spielenden (Startjahr ist 1953) britischen TV-Serie „Grantchester“, die auf den Kriminalromanen von James Runcie beruht.

Wenn der Reverend mit dem Detective Inspector…

Reverend Sidney Chambers verbringt mit seiner langjährigen Freundin Amanda einen vergnügten Tag am Wasser. Nur um beim Abschied erfahren zu müssen, dass Amanda, in die er offensichtlich verliebt ist, bald heiraten wird. Standesgemäß. Vorerst macht er gute Miene zum bösen Spiel. Und wird auch bald abgelenkt, denn nach dem Trauergottesdienst für den Selbstmörder Stephen Staunton, zieht ihn dessen Geliebte ins Vertrauen. Sie zweifelt den Suizid des Anwalts an und vermutet einen Mord dahinter. Sidney, neugierig geworden, findet bald erste Belege und wendet sich an die Polizei. Dort trifft er den abgebrühten DI Geordie Keating, der wenig angetan ist von Sidneys Vermutung und Ermittlungsarbeit. Doch der Pastor bleibt hartnäckig, findet weitere Hinweise und lässt Keating keine Wahl, als ihn zu unterstützen. Aus Widerwillen wird Respekt, aus Respekt schnell eine Freundschaft der ungleichen Geistesverwandten. Bald rauchen und trinken sie gemeinsam (beides reichlich), lösen weitere Kriminalfälle und spielen Backgammon miteinander. Keating gewinnt meist, obwohl Sidney eigentlich der Experte ist. 

Bekanntestes Zitat der ersten Staffel: „Glaubst Du, wir haben ein Alkoholproblem?“ fragt Sidney. „Ja“, antwortet Geordie, „wir haben nämlich keinen mehr!“ Der Beginn einer tiefen Freundschaft, die in der zweiten Staffel schwer auf die Probe gestellt wird.

Gegensätze ziehen sich an

Trotz aller Gegensätze sind Sidney und Geordie wie geschaffen füreinander. Da ist der alleinstehende Pfarrer, der Jazz von Herzen und seine Amanda verzweifelt liebt, der mit mehr Frauen herumpoussiert (und dabei bleibt es nicht) als für ihn und seine geistliche Position gut ist. DI Keating hingegen ist verheiratet, hat Kinder, schätzt Musicals und ist ein Verfechter der Todesstrafe. Die Sidney zutiefst ablehnt. Was zur bereits erwähnten Belastungsprobe und fast zum Zerwürfnis in Staffel 2 führt. Beide Männer vereint ihre militärische Vergangenheit, die ihnen tiefsitzende Traumata beschert hat. Sidney Chambers Kriegserlebnisse werden in zahlreichen Rückblenden schlaglichtartig bebildert.

Während Sidney Unterstützung (und viel Kritik) bei seiner schroffen Haushälterin Mrs. M(aguire) und dem homosexuellen Vikar Leonard Finch erhält, ist Geordies Rückhalt seine Familie. Es braucht gerade einmal eine Folge bis beiden Männern klar wird, dass sie neben diesen Rückzugspunkten sich gegenseitig brauchen. Jazz und Musical vertragen sich, wenn es Zigaretten, Alkohol und Backgammon gibt. Sowie gemeinsame Geschichten, Vergangenheit, Sehnsüchte und Mordfälle, die man aufklären kann. Männerfreundschaft halt.

Fortschritt, Stolz und Vorurteile

Inhaltlich geht „Grantchester“ einen interessanten Weg. Sidney Chambers ist ein moderner Charakter, mit geradezu frevelhaft fortschrittlichen und toleranten Ansichten, gefangen in einer Welt, die aus ihrer Engstirnigkeit, der Homophobie (die gar nicht abhängig davon ist, dass Homosexualität 1953 und in den Folgejahren in Großbritannien noch unter Strafe stand), ihrem Rassismus und tiefsitzenden Standesdünkeln keinen Hehl macht. Häusliche Gewalt, Missbrauch und Vertuschung durch Kirchenobere gehören zum Alltag. Also eigentlich alles  fast wie heute.  

Auf diese Themen wird Sidney Chambers mit Vehemenz gestoßen, denn sie prägen fast jede Straftat, die er mit seinem Freund Geordie zu lösen hat. In der Folge „Der Zar von Cambridge“ mutiert „Grantchester“ zum Polit-Thriller und beherrscht auch dies, ohne dass die Episode wie ein Fremdkörper wirkt.

Durchgängig von den Erinnerungen an ein traumatisches, schuldbehaftetes Kriegserlebnis getrieben, taumelt der junge Reverend in dunkle Stunden, die er sich durch Alkohol und Zigaretten erträglich zu machen sucht. Gelingt eher schlecht und wird besonders von Mrs. Maguire mit Argwohn und Sorge betrachtet. Trotzdem besitzt die erste Staffel zahlreiche locker beschwingte Momente mit geschliffenen Dialogen und kleinen Späßen. Die Fortsetzung rückt ein ganzes Stück weiter Richtung Finsternis. Die Frage nach dem Sinn der Todesstrafe, dem Gespenst eines nicht strafenden, sondern sich rächenden, mitleidlosen Staatsgefüges, zieht sich durch sämtliche Folgen. Und führt bei Sidney und Geordie zum emotionalen Ausnahmezustand. Erst ganz zum Schluss wird die leutselige Eintracht des Anfangs wieder aufgenommen.  Und die beiden Hauptcharaktere bekommen eine rührende, witzige und treffende Versöhnungsszene spendiert.

Liebe, Lust und Mord – im Pfarrhaus ist die Hölle los

Ein weiterer Themenkomplex beherrscht vor allem die zweite Staffel: Sidneys aufreibendes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. „Dürfen Sie eigentlich mit einer Frau…“ wird der gutaussehende, charmante Reverend gefragt. „Ja klar, ich bin schließlich kein Katholik“, lautet die Antwort, um mit einem flüsternd nachgeschobenen „aber erst nach der Eheschließung“, zu enden. Aber das scheint eher eine Kann-Bestimmung zu sein. Sidneys langjährige Gefährtin Amanda, die sehnsüchtig auf einen Antrag wartete, der nie kam, wird mit dem wenig sympathischen Gatten Guy nicht recht glücklich. So umkreisen sich Amanda und Sidney, kommen trotz unterschiedlicher Bemühungen nicht voneinander los. Erst scheint es, als fände Chambers Frieden bei der aparten Witwe Hildegard Staunton („Die Deutsche!“ ereifert sich Mrs. Maguire und akzeptiert Hildegard bald doch). Ein betrunkener und sinnlos eingestandener Seitensprung sorgt allerdings für eine nachhaltige Zäsur.

Selbst Geordie sucht, bebildert durch eine amüsante Brautschau-Schnittparade, nach einer passenden Ehefrau für seinen Freund. Der dann von sich aus bei der burschikosen und forschen Polizeisekretärin Margaret Ward landet. Hätte etwas draus werden können, wenn nicht Amanda wäre.

Diese Achterbahnfahrt durchs Labyrinth der Gefühle und Libido bremst „Grantchester“ ein wenig aus. Denn es ist recht offensichtlich wie sich die scheinbar konfuse Situation entwickeln wird. Glücklicherweise nimmt der Rosamunde Pilcher-Faktor nicht Oberhand. Die vielfältigen amourösen Verstrickungen sorgen jedenfalls für höchst irritierende Momente bei Mrs. Maguire und Sidneys Vikar Leonard. Die anglikanische Kirche verbirgt definitiv nicht, welch wichtige Rolle Sexualität im Leben der Menschen spielt. James Muncies Vater war selbst Erzbischof von Canterbury. Könnte also sein, dass der Autor aus dem Nähkästchen plaudert.

Ein geglücktes Unterfangen

Insgesamt ist „Grantchester“ eine erfreuliche Angelegenheit. Schauspielerisch ist das bis in die Neben- und Gastrollen überzeugend. Dass die Chemie zwischen James Norton und Robson Green (Tony Hill in der Verfilmung von Val McDermids Büchern) stimmt, erwähnen beide in den Extras sehr glaubwürdig. Ist aber auch nicht zu übersehen. „Grantchester“ ist visuell effektiv in Szene gesetzt und nie um ein pittoreskes Bild verlegen, pendelt dazu charmant zwischen Spannung, Witz und Nachdenklichkeit. Die miefigen Fünfziger werden inhaltlich und formal gekonnt reproduziert, tagesaktuelle Verweise gibt es obendrauf.

Die Kritik an politischen und gesellschaftlichen Missverhältnissen ist mehr als unterschwellig, dennoch verkommt die Serie nie zum moralischen Erbauungsfernsehen. Autorin Daisy Coulam weicht unbequemen Konflikten nicht aus und hält die Waage zwischen Anspruch und wohliger Unterhaltung. Außerdem hat sie die Vorlagen ansprechend modifiziert.

Welcher Weg weiterhin eingeschlagen wird, der leichtfüßigere der ersten Staffel oder der nachdenklichere der zweiten, wird in der Folge zu sehen sein. In England liefen bereits die Staffeln 3 und 4, Nummer 5 steht in den Startlöchern.

Reisende, die man nicht aufhalten kann

Ein Wermutstropfen: James Norton alias Sidney Chambers verlässt die Serie mit der vierten Staffel. Hängt wohl nicht damit zusammen, möglicher James Bond-Kandidat zu sein. Oder doch?   Tom Brittney wird als Reverend Will Davenport in seine prägenden Fußstapfen treten. Leichte Skepsis, ob das Konzept einen neuen Hauptdarsteller verträgt. Wir lassen uns überraschen. Immerhin bleibt uns Geordie Keating erhalten. Und Sidney Chambers noch für zwei Staffeln. Das ist auch gut so.

Grantchester - Staffel 1

Laufzeit: 6 x 45 Min.
Sprache: Deutsch, Englisch
Bildformat: 16:9
Tonformat: Dolby Digital
 

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Grantchester - Staffel 2

Laufzeit: 6 x 45 Min.
Sprache: Deutsch, Englisch
Bildformat: 16:9
Tonformat: Dolby Digital
 

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Cover und Fotos: © Edel Motion/Glücksstern

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